Kaiser´s Reiselogbuch


Baltikum 2005

Ursprünglich hatten wir uns dieses Jahr eine Ostseeumrundung gegen den Uhrzeigersinn vorgenommen. Sie sollte uns immer an der Küste entlang durch Polen, Litauen, Lettland, Estland, Finland Schweden und Dänemark wieder nach Deutschland führen.

Als aber die Info-Broschüren aus Polen und den baltischen Ländern eintrafen, wurden wir von der Aussicht auf Natur pur, menschenarme Landschaften und alte historische Städte vom ursprünglichen Plan abgebracht.
Nun wollen wir uns Polen und das Baltikum etwas intensiver anschauen. An der Ostseeküste entlang führt uns der Weg nach Nordosten bis Tallin und dann durch das Hinterland wieder zurück.

Übersicht Gesamtstrecke 
Übersicht über die Gesamtstrecke


Start 

(Bilder-Album am Seitenende)

Am Sonntag den 22. Mai 05 starte ich gegen zehn Uhr den Motor unseres Reisemobils. Es geht los. Die kürzeste Strecke zu unserem ersten Ziel, der Insel Usedom, führt über die Autobahn bis kurz hinter Hannover. Ab hier rollt das WOMO bei herrlichem Wetter nur noch über Land- und Bundesstraßen via Celle, Dannenberg, Waren am Müritzsee, Neubrandenburg, Anklam nach Wolgast. Hier ist die Hubbrücke über den Peenestrom gerade geschlossen so dass es in einem Rutsch hinübergeht auf die Insel. 

Es ist eine stressfreie Tour. In gemächlichem Tempo rollen wir an sattgrünen Feldern und goldblühenden Rapsfeldern vorbei und durch die herrlichen Alleen in Brandenburg, Meklenburg und Ostvorpommern.
Auf der Insel wenden wir uns nordwärts um nach einem WOMO-Stellplatz Ausschau zu halten. Es sieht zuerst nicht gut aus, was wir suchen scheint hier unbekannt. Es gibt grundsätzlich nur Parkplätze mit Parkscheinautomaten. Oft sind zusätzliche Schilder angebracht, die nur Busse und PKW zulassen oder das Parken von Reisemobilen nach 20:00 Uhr verbieten.
Auf die angebotenen Campingplätze wollen wir nicht und so führt uns die Suche bis ans ehemalige Sperrgebiet an der Nordspitze der Insel, zum Militärflughafen und ehemaligen Raketen-Testgelände der V1 und V2-Waffen, und endet in Peenemünde im Hafen. 

Hier, im Angesicht eines russischen U-Bootes das als Museum dient, in der ersten Reihe mit Blick auf den Peenestrom finden wir unseren Stellplatz. Die Parkgebühr von 9:00 bis 18:00 Uhr beträgt 3,- EUR und weitere Einschränkungen gibt es nicht. Als die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, werden die Mücken dreist und verscheuchen uns von der Bank vor unserem Fahrzeug. Na, dann laufen wir halt noch eine Kennenlern-Runde durch den Ort. Die bauliche Substanz macht einen trostlosen Eindruck. Zwei Drittel der Häuser sind Ruinen oder sind unbewohnt und verfallen. In unmittelbarer Nachbarschft zum Hafen stehen die Reste des ehemaligen Kohlekraftwerks, das heute als Historisch-Technisches Informationszentrum genutzt wird. Das werden wir uns morgen anschauen.

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2. Tag
Es ist diesig und regnet als ich das erste Mal hinausschaue. Also noch einmal ins Bett und die Decke über die Ohren gezogen, es kann nur besser werden.
Als wir dann nach dem Frühstück nebenan ins Museum gehen ist es trocken. Der Ein- und Ausgang ist im Hochbunker untergebracht, von dem aus bei Fliegeralarm das kombinierte Elektrizitäts- und Fernheizwerk gesteuert wurde. In den dreißiger Jahren gebaut, um den Energiehunger für die Raketen- und Treibstoffproduktion einerseits und die Wärmeleistung für die Fabriken, Wohnsiedlungen, und Arbeitslager andererseits bereit zu stellen, hat es bis 1990 die Stromversorgung der Insel Usedom gewährleistet und wurde dann stillgelegt. 

Auf der Freifläche unter den Kohle-Förderbändern steht ausgemustertes Militärfluggerät russischer Bauart aus DDR-Zeit. Im Hafenbecken ist ein Raketenschnellboot zu besichtigen. Im Jahr 1986 erbaut, wurde es nach der Wende 1990 schon wieder ausgemustert und dümpelt hier als Anschauungsobjekt. 

Dann geht es in die ehemaligen Kraftwerkshallen und jetzt wird es interessant. Im zweiten Stockwerk ist die Raketenentwicklung von den Anfängen bis zum Ende des zweiten Weltkrieges aufbereitet. Eine Etage tiefer wird gezeigt was aus der Wiege der Raumfahrt in Peenemünde geworden ist, wie die Anlagen, das technische Wissen und die Forscher und Wissenschaftler von den Siegermächten einverleibt wurden. 

Die USA bezifferte einmal ihren Anteil an dem Beutegut – Werner von Braun und weitere 117 Wissenschaftler sowie LKW-Ladungen voll Unterlagen über Raketentechnik – mit zehn Jahren Zeit- und 2 Milliarden Dollar Geldersparnis.
Die Ergebnisse zeigen sich bei der UDSSR mit dem ersten Menschen im Weltraum, bei den USA im Apollo Mondprogramm, und bei den Franzosen mit einem finanziell ertragreichen Weltraumbahnhof in Kouru. 

Geboren wurde ursprünglich alles aus dem Wunsch heraus, den Mond zu erreichen. Werner v. Braun erkannte als erster, dass nur mit privatem Geld dieses Ziel nie verwirklicht werden konnte und holte das Militär als Geldgeber ins Boot. Im Umkehrschluss wurde das ganze Programm zur Waffenschmiede umfunktioniert. Das Aggregat VI, eine Rakete mit 20 Tonnen Schubkraft, wurde berühmt berüchtigt als die „Vergeltungswaffe“ V2. 

Viele Exponate und zwei Filme später, um genau zu sein nach 5 Stunden, treten wir wieder ins Freie, in den Regen. Die geplante Fahrradtour fällt buchstäblich ins Wasser. Den Rest des Tages verbringen wir lesend.

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3. Tag
Kurz vor 10 Uhr sitzen wir auf unseren Rädern, blauer Himmel über uns und Schiebewind im Rücken. Durch den Deich getrennt vom Peenestrom, radeln wir durch Feuchtwiesen, an Entwässerungsgräben entlang, immer begleitet von lautstarkem Froschkonzert. Die Route führt anfänglich immer an den Haffgewässern entlang, gegen den Uhrzeigersinn um den nördlichen Teil der Insel. 

Im Seebad Zinnowitz treffen wir auf die Ostsee-Seite mit ihren herrlichen feinsandigen Stränden. Hier in dem modernen Urlaubsort machen wir eine Pause und erwerben eine Rad- und Wanderkarte damit das Raten über die einzuschlagende Richtung vorbei ist.
Inzwischen haben sich dicke Quellwolken aufgetürmt die uns auf der Weiterfahrt für fünf Minuten befeuchten. Als wir uns im Nachbarort Karlshagen an einem Fischbrötchen stärken, scheint schon wieder die Sonne. Nach einer Strecke von 50 Kilometern ist unser WOMO wieder erreicht. Es ist ausreichend Zeit heute schon in den südlichen Teil von Usedom umzusetzen, denn für morgen ist dort eine Radtour geplant.

Wir rollen bis in den südöstlichsten Zipfel der Insel, in das Fischerdorf Kamminke direkt an der polnischen Grenze. Hier stehen wir heute Nacht direkt am Strand mit herrlichem Blick auf das Stettiner Haff. Die Gemeinde erhebt dafür 6 EUR. In Sichtweite, unmittelbar an der Hafenmole befindet sich eine Fischräucherei und Strandkneipe namens „Klön-Snack“. 

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4. Tag
Nach ausgiebigem Frühstück steigen wir erst nach 10 Uhr aufs Rad. Die Tour beginnt sogleich recht Schweiß treibend. Man glaubt es kaum aber aus dem Ort geht es sofort mit 10 % Steigung hinauf auf den ersten Höhenrücken. Dieser Inselteil ist recht hügelig und mit ausgedehnten Mischwäldern bestanden. Wunderbar für das Auge aber anstrengend für die Beine, im Nebeneffekt purzeln auch noch ein paar Kalorien. Nach anstrengenden Kilometern über Waldwege und Schiebestrecken auf pulverigen Sandwegen, ist endlich wieder die Ostseeküste bei Heringsdorf erreicht. Ein geradezu mondänes Seebad. Hier wurde nicht gekleckert sondern geklotzt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Schön restaurierte Jugendstil-Villen stehen harmonisch neben modernen Hotels und Ferienwohnanlagen an einer wunderbaren Promenade.
Den Vogel schießt die neue Seebrücke ab, mit ihrem „Restaurant über dem Meer“ am seeseitigen Ende. 

Fast übergangslos beginnt Ahlbeck, der östliche Nachbarort. Mit womöglich noch mehr Jugendstilgebäuden und Häusern mit den typischen Holzbalkonen wirbt dieses Bad um Besucher, und davon sind reichlich da. In den Seebädern ist die Saison schon angelaufen, auf der anderen, der Haffseite und im Innenbereich der Insel scheint die Zeit aber noch still zu stehen. Obwohl mit sehr günstigen Übernachtungspreisen und Ferienwohnungen gelockt wird, will sich hier der Tourismus noch nicht einstellen. 

Die gepflegten Radwege werden jetzt immer holpriger, „Zonenrandgebiet“ oder wie man dazu sagen soll und da ist sie schon die polnische Grenze. Ein kurzer Blick auf den Personalausweis und wir sind beim östlichen Nachbarn. Der neue Radweg aus rotem Verbundsteinpflaster, von der Grenze bis in die Innenstadt von Swinemünde / Swinoujscie , lässt sich gut befahren. Dann aber hat uns die „Ostblockwirklichkeit“ voll im Griff. Der Straßenbelag martert uns und die Fahrräder. Auch was sich den Augen bietet bedarf noch der einen oder anderen Erneuerung. Aber das wird schon werden, die EU-Töpfe haben sich ja gerade erst geöffnet.
Nach einer Runde durch den westlich der Swine gelegenen Teil der Stadt, kehren wir wieder über die Grenze zurück und eine weitere Berg- und Talfahrt bis Kamminke schließt sich an. 

Am Spätnachmittag verlegen wir den Standort des WOMO in die kleine Stadt Usedom die der Insel ihren Namen gab. Auch hier stehen wir im ehemaligen Fischer- heute Sportboothafen. Ursprünglich ein wendisches Gemeinwesen, wurden hier zu Pfingsten im Jahr 1128 die wendischen Fürsten vom Bischof Otto von Bamberg zum Christentum bekehrt und getauft. Im Jahr 1298 erhielt Usedom die Stadtrechte sowie Zollfreiheit und weitere Privilegien die Reichtum und Wohlstand bescherten. Den Bürgern konnten sogar die kommunalen Steuern erlassen werden. Von dieser Bedeutung ahnt man heute aber nichts, wenn man durch die engen Gassen schlendert. Die kleinen niedrigen Häuser stehen hübsch in Farbe in stiller Ruhe und erinnern an kleine Örtchen auf den dänischen Inseln. Nur die wuchtige Marienkirche zeugt von der reichen, mächtigen Zeit. 

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5. Tag (Fronleichnam 26.05.05)
Heute verlassen wir Usedom um in einem großen Bogen südlich das Stettiner Haff zu umfahren. Dort ist der erste Grenzübergang nach Polen, der von Kraftfahrzeugen benutzt werden kann. Die Abfertigung auf der A11 dauert nur wenige Minuten, es herrscht heute wenig Verkehr. Später fällt uns ein, dass Polen als erzkatholisches Land natürlich heute Fronleichnam feiert. Deshalb auch so wenig LKW-Verkehr. 

Diese sind in erster Linie auch an den fürchterlich ausgefahrenen Schlaglochpisten schuld. An den wenigen neu und gut ausgebauten Abschnitten sieht man grundsätzlich den Sternenkranz auf blauem Grund, das Europaemblem. Die EU finanziert hier, wie auch in anderen Ländern zuvor, erst einmal in Infrastrukturmaßnahmen d.h. jetzt werden hier die Straßen nicht nur geflickt sondern saniert und neu gebaut. 

Wir erreichen die Ostseeküste schließlich wieder am Ostende des Wolliner Nationalparks bei dem Ort Miedzywodzie, ein richtiger Zungenbrecher. Den Campingplatz „Tramp“, erreichen wir um 17:30 Uhr, das endgültige Ziel für heute. 

Der Platz wird vom Polnischen Campingclub PFCC empfohlen und führt vier Sterne, immerhin die höchste Kategorie. Ich bin jetzt sehr gespannt was wir auf einem 3, 2 oder gar 1-Sterne-Platz vorfinden werden. Die Sanitäreinrichtungen sind allerdings sehr sauber, wenn jetzt noch alles repariert würde was defekt ist, wäre der recht hohe Preis für dieses Angebot und polnische Kaufkraft auch akzeptabel.
Die Drahtesel werden gesattelt und auf einem Rundkurs von 24 Kilometern klappern wir weitere Campingplätze ab. Von den Preisen scheinen sich alle abgesprochen zu haben, sie liegen für ein WOMO mit zwei Personen ohne Strom bei 55 bis 58 Zloty, das sind ca. 15 EUR. Eine Pizza kostet im Vergleich 6, und ein halber Liter Bier 5 Zloty, also eine Übernachtung entspricht zehn Pizzen das ist m.E. ein stolzer Preis. Von der Ausstattung können wir mit unserem erwählten Platz aber noch zufrieden sein Weiter mit Teil zwei „ Polens Ostseeküste“

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