Kaiser´s Reiselogbuch


Estland

Gleich zu Beginn setzen wir per Fähre auf die Inseln MUHU und die Hauptinsel SAAREMAA über. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Wer ein ruhiges Feriendomizil sucht ist hier genau richtig.

TALLINN / REVAL ist dagegen eine moderne quirlige Metropole mit alter Vergangenheit. Hier merkt man, dass Finnland nicht weit ist.

Weiter östlich, an der russischen Grenze und am Peipsi-See sieht es wieder ähnlich wie auf SAAREMAA aus.



Übersicht Gesamtstrecke 
Übersicht über die Strecke bis Estland


(Bilder-Album am Seitenende)

30. Tag (Mo. 20.06.05)

Nur 20 Kilometer Entfernung bis zur Grenze. Um halb elf Uhr sind wir in Estland und in einem Rutsch geht’s weiter in die etwas größere Stadt VÄRNU.
Es folgt das gleiche Spiel wie immer nach einem Grenzübertritt, Geld aus dem Automaten ziehen, einen Teil davon gleich wieder im Supermarkt lassen und dafür Einkäufe im Mobil verstauen. Abschließend noch tanken dann gleich weiter zum Fährhafen in VIRTSU. Die Überfahrt nach KUIVASTU auf der Insel MUHU dauert 35 Minuten.

Die Orientierungstafeln am Straßenrand bieten einen Überblick aber allein damit kann man sich auf den Inseln nicht zurechtfinden. Wir erstehen eine Karte im Maßstab 1: 200 000 von den Inseln SAAREMAA und der kleinen MUHU die durch einen Damm miteinander verbunden sind.

Auf der Karte sind sogar die Fahrwege verzeichnet die nur aus einer Wagenspur bestehen, trotzdem finden wir den gesuchten Campingplatz nicht. Wie sich herausstellt gibt es dort wo wir suchen nur einen Zeltplatz und wir finden ihn nicht weil keine Piktogramme aufgestellt sind sondern ein weiß bemaltes Brett mit dem Schriftzug TELKIMINE uns nichts sagt. (Heißt Zeltplatz, finden wir aber erst am nächsten Tag heraus.)

Wir stellen uns, nachdem uns eine erbärmliche Fahrspur fast unmittelbar an den Strand geführt hat, einfach auf einen Wiesenfleck im Gestrüpp wenige Meter vom Wasser entfernt.

Eine Spaziergängerin sagt, dass die Spur nach 700 Metern zu dem Zeltplatz geführt hätte. Egal, wir bleiben stehen, es ist schön hier.

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31. Tag

Ich habe mich gerade eingeseift, da stellt unsere Wasserpumpe sang und klanglos ihren Betrieb ein. Den Schaum ins Handtuch gewischt und zuerst die Sicherungen überprüft. Die betreffende ist in Ordnung, oh das sieht nach einer größeren Sache aus.

Nach dem Frühstück wird das Bett halb demontiert um an den Wassertank und die Tauchpumpe heran zu kommen. Schnell steht fest, es ist die Pumpe, sie muss aus dem Tank ausgebaut werden. Mit einem Schraubendreher bewege ich den Impeller, nein blockiert ist die Pumpe nicht, beim Test läuft sie auch wieder. Vielleicht ein Drahtbruch in der Zuleitung? Ein Wackeltest bringt keinen Aufschluss, es bleibt dabei sie pumpt wieder. Also alles zusammenbauen und das gewünschte Tagesprogramm beginnen.

Bei dem schönen Wetter wollen wir einen Teil der Insel Muhu mit dem Fahrrad erkunden. Dazu fahren wir in den Hauptort LIIVA und parken bei der St. Katharina Kirche aus dem Jahre 1267, somit eine der ältesten Steinkirchen auf estnischem Gebiet. Der Grund ist aber eher profan, wir wollen das WOMO etwas unter Aufsicht parken und hier verkauft eine Frau Woll-Stricksachen aus eigener Produktion, zudem kommen immer wieder Touristen auf diesen Parkplatz.

Die völlig verstaubten Räder hole ich vom Heckträger und Brigitte will zum Reinigen einen Lappen anfeuchten aber die Pumpe fördert wieder nicht! Das bedeutet, eine neue Pumpe muss her. Die ist aber, wenn überhaupt, nur in der Hauptstadt KURESSAARE / ARENSBURG auf der Insel Saaremaa zu erhalten.
Zuvor starten wir unseren Radausflug, erst in den südlichen, dann in den nördlichen Teil der Insel Muhu.

Hier ist wirklich die Zeit stehen geblieben. Von der geteerten Hauptstraße, die vom Fährhafen im Osten bis zum Verbindungsdamm über die Insel führt, zweigen zwei weitere Asphaltstraßen ab. Eine führt zur Nordspitze hinauf und über eine kurze Stichstraße ist das Museumsdorf KOGUVA im Westen zu erreichen. Die übrigen Wege sind geschottert oder bestehen aus Fahrspuren, die einzelne Hofstellen oder Dörfer erschließen. Bei wie vielen Häusern ein Dorf anfängt ist nicht ganz klar, weil auch Einzelgehöfte schon eigene Namen tragen.

Im Süden erreichen wir das ehemalige Gut „Pädaste“, welches heute ein kleines Luxushotel beherbergt. Das Gut kann gegen Eintritt besichtigt werden. Hier ist auch das fruchtbarste Land der Insel.
In der Mitte überwiegen Kiefern- und Mischwälder und der ganze Nordteil trägt karge Heidevegetation mit windzerzausten Wachholderbüschen. Hofstellen und ehemalige Felder sind mit Steinmauern aus Findlingen umgrenzt. Einzelne Häuser tragen noch Reeddächer oder Reste von Holzschindeln. ansonsten besteht die Bedachung aber aus den allgegenwärtigen Wellasbestplatten. Schlägt ein Hund an, oder steht ein Schild mit der Aufschrift „B&B“ am Gatter, kann man davon ausgehen, dass das Anwesen bewohnt ist.
Außer Schwänen, Enten und allerlei anderen Vögeln haben wir kaum ein Lebewesen gesehen.

Vier Stunden und 52 Kilometer später, davon 40 Kilometer auf Schotterwegen, sind wir wieder zurück. Schnell noch am Internet-Platz der Bibliothek nachgeschaut ob wir e-Mail-Nachrichten oder Grüße haben, dann machen wir uns auf den 60 Kilometer langen Weg nach Kuressaare.

Die Mitarbeiterin in der Touristinformation gibt sich alle erdenkliche Mühe eine Firma ausfindig zu machen die uns in dem Pumpenproblem weiterhelfen kann, denn einen Campingartikel-Shop gibt es auf den Inseln nicht. Um 18:00 Uhr bittet sie uns, am nächsten Morgen wieder zu kommen, weil die Firmen nun Feierabend haben.

Wir übernachten heute auf dem Campingplatz MANDJALA im gleichnamigen Ort, unmittelbar am Strand.

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32. Tag

Nach dem Frühstück baue ich die Pumpe wieder aus. Mit dem Corpus Delicti in der Hand kann ich mich besser verständlich machen als mit meinem mangelhaften Englisch.

Auf dem Weg in die Stadt fahre ich zum Sportboothafen, vielleicht gibt es hier einen Laden für maritimes Zubehör, dazu gehören ja auch Pumpen. Fehlanzeige, der Hafenmeister verweist auf einen Hafen an der gegenüberliegenden Seite der Bucht, macht aber wenig Hoffnung, weil die dort ansässige Firma auf die Berufsschifffahrt eingerichtet ist.

Auch die Touristinformation kann nur auf eine Firma verweisen die einen Reparaturversuch unternehmen will, das bringt aber bei einer hermetisch vergossenen „Wegwerfpumpe“ nichts.

Wir brechen unseren Inselurlaub ab und machen uns auf den Weg in die Landeshauptstadt TALLIN. Nach wenigen Kilometern zeigt ein Schild nach ROOMASSAARE, dort ist der andere Hafen. Ein kleiner Umweg macht jetzt auch nichts mehr aus, wir biegen rechts ein.

Kurz bevor der Hafen erreicht ist, sehe ich auf einem Fabrikgelände eine neue moderne Hochseejacht. Holla, da werden Schiffe verkauft oder gebaut, also umdrehen und fragen ob so ein kleines Pümpchen vielleicht auch zu haben ist.

ES IST!

Zwar keine Tauchpumpe, die in dem Tank ihren Dienst verrichtet, sondern eine Membranpumpe die außerhalb montiert wird, aber die Schlauchanschlüsse sind von der Größe passend. Erleichtert zahle ich den Preis von 70 Euro, den ich in Deutschland für diese Shurflo-Pumpe auch hätte zahlen müssen. Auch darf ich den erforderlichen Umbau in einer Werkshalle erledigen weil es inzwischen heftig regnet. Seit einer Woche das erste Mal wieder.
Als um 13:00 Uhr im Werk die Mittagspause beginnt, funktioniert die neue Pumpe.

Jetzt können wir doch auf der Insel bleiben und fahren zuerst nach ANGLA zum Windmühlenhügel.

Hier stehen nebeneinander vier Bockwindmühlen, überragt von einer Kappen- einer so genannten Holländermühle. Auf Saaremaa und Muhu stehen noch viele alte Bockwindmühlen, diese hier sind aber besonders gut erhalten und können besichtigt werden.

Auf der Weiterfahrt wird wachsam nach einem geeigneten Übernachtungsplatz ausgeschaut und an der Nordküste hinter LEISI finden wir einen Grill- und Ruheplatz der staatlichen Forstverwaltung (RMK). Hier bleiben wir, mit einem Blick auf die Nachbarinsel HIIUMAA.

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33. Tag

Bei unserem Spaziergang heute morgen bemerken wir, dass noch andere Zelter hier genächtigt haben. Die RMK-Plätze sind gut ausgestattet. Ähnlich wie in Kanada sind hier Tische und Bänke, Feuer- und Grillstellen und „DC“ Dry-Closett, auf Deutsch: Plumpsklos eingerichtet. Die Zufahrten zu diesen Plätzen sind allerdings nur für PKW geeignet.

Anschließend in Leisi noch Brot gekauft, denn morgen ist hier Nationalfeiertag.

Bis MUSTJALA staubt uns wieder eine Schotterstrecke ein. Dort wird das WOMO abgestellt, die Räder heruntergenommen und notdürftig gesäubert. Anschließend starten wir zur Umrundung des Kaps TAGARANNA. Es wird aus einem Kalksteinplateau gebildet und hat entsprechend eine Steilküste.

Unterwegs wird schon wieder nach einem Stellplatz für heute Nacht umgeschaut. Es ist vielleicht besser Campingplätze und Menschenansammlungen heute Abend zu meiden, denn überall werden schon die Holzstöße für das Johannisfeuer aufgeschichtet weil heute Nacht Mittsommernacht gefeiert wird. Die ersten wackeren Säufer konnten heute beim Lebensmittelladen schon nicht mehr gerade gehen.

Kurz vor dem Kap haben wir eine geeignete Stelle gefunden die wir uns merken.

Kurz darauf kommen wir an einer ehemaligen Bockwindmühle vorbei die ein Witzbold zu einem Waldschrat umgebaut hat. Ein Stückchen weiter treffen wir auf eine Hüttenansammlung wo man übernachten kann und ein kleiner Kiosk verkauft neben anderem auch einfache Gerichte. Wir bestellen uns zwei kleine Portionen „Pirogen“ mit Mett gefüllt, ähnlich den Schwäbischen Maultaschen. Mit je einem Glas Apfelsaft kostet das 46 Kronen, umgerechnet 2,80 EU.

Ab dem Kap geht die Schotterstraße in einen Wanderweg über, das heißt es ist noch eine Fahrspur zu erkennen, die aber nur noch von einem Geländewagen bewältigt werden kann. Mit unseren Rädern schlagen wir uns wacker, obwohl Mountain-Bikes angebrachter gewesen wären. Als aber dann die Spur im Wasser verschwindet, streikt Brigitte. Ich kratze meine ganze Liebenswürdigkeit und Überredungskunst zusammen bis sie zustimmt mit mir weiter ins Ungewisse zu fahren. Es waren 45 Kilometer Abenteuer mit allem was die Natur zu bieten hat, Waldwege, Sackgassen, Matsch, Sumpf, Schotter, und wenn man nicht aufgepasst hat konnte es einen leicht aus dem Sattel katapultieren.

Mächtig durchgeschüttelt kommen wir wieder bei unserem Fahrzeug an.

Jetzt suchen wir den ausgekundschafteten Platz bei NINASE auf, wir sind hier ganz allein. Am Strand wollen wir heute Abend grillen, denn Mitsommernacht muss ja ein bisschen gefeiert werden.

Als ich später Schwemmholz klein hacke, kommt eine junge Frau von den Wochenendhäusern den Strand entlang, erwidert den Gruß, will aber wahrscheinlich nur wissen wer sich hier hingestellt hat.

Später, die Schnitzel sind gegrillt und wir beim Essen, kommt ein Geländewagen der Forstverwaltung an den Strand gefahren. Wir sind ganz „Unschuld vom Lande“ und lassen uns nicht stören. Die beiden Forstleute schauen, drehen ihr Auto am Strand, und fahren wieder ab. Die wurden sicherlich von jemandem angerufen.

Ein Feuer entfachen wir später nicht mehr, aber bis nach Mitternacht sind wir heute aufgeblieben.

Seit etlichen Tagen wird es nicht mehr richtig dunkel aber zum Zeitung lesen reicht das Licht mitten in der Nacht doch noch nicht aus. Weiter im Norden ist das um diese Jahreszeit ohne weiteres möglich.

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34. Tag

Von NINASE fahren wir einige Buchten weiter westwärts zum Ort KIHELKONNA. Wieder werden die Fahrräder bestiegen um in den Nationalpark VILSANDI zu radeln. Die heutigen Wege sind besser zu befahren und bringen uns zu einem Kap, von dem aus man über seichte Stellen im Meer von Eiland zu Eiland wandern kann bis die Insel VILSANDI ganz im Westen erreicht ist. Als wir an der Küste stehen, wollen wir der Informationstafel kaum glauben, auf der ein Wanderweg durch das Meer verzeichnet ist. Von einem Aussichtsturm sind zwischen den Inselchen und Geröllbänken immer wieder Findlinge im Wasser zu sehen, also kann es wirklich nicht tief sein. Wir verzichten auf eine Fortführung des Weges und kehren um. Die Räder werden heute nach nur 25 Kilometern wieder verstaut.

Das Wetter ist schön, der Tag noch nicht alt, also wird Kurs genommen auf die südwestliche Halbinsel. Wir stoßen in TEHUMARDI auf die Küstenstraße. Hier gibt es einen neuen Campingplatz mit gleichem Namen, den schauen wir uns zuerst an. Freundlich werden wir von dem Besitzer begrüßt und auf dem Platz herumgeführt. Der gefällt uns, bevor wir die Insel verlassen werden wir wiederkommen. Er hört nur wiederkommen und fragt was wir uns in der Zwischenzeit anschauen möchten, holt eine Broschüre mit Karte und markiert interessante Besichtigungsziele. So viel Geschäftssinn darf man nicht enttäuschen, wir werden wirklich heute Abend zurückkommen.

Bis kurz vor dem Leuchtturm SÄÄRE ist die Straße noch geteert, den Rest des Nachmittags fahren wir nur noch über Schotterpisten und schlucken Staub ohne Ende.

Als wir uns, zur Freude des Platzwirtes, einen Stellplatz aussuchen, ist unsere Stimmung nicht die beste. Wieder einmal haben wir gemerkt, dass unser WOMO nicht für Staubstrecken geeignet ist. Alles, aber wirklich alles ist mit einer dicken Schicht überzogen, sogar die Wäsche aus den Staufächern muss ausgeklopft werden. Als ich die Moskitonetze von den Scheiben nehme, rieseln Staubfahnen herunter. 1 ½ Stunde wird gefegt, gesaugt, gewischt und gewaschen.


35. Tag (Sa. 25.06.05)

Heute ist Großwaschtag. Brigitte hat zwei Maschinen Wäsche, außerdem wird immer noch Staub entfernt und gesäubert. Auch muss ich noch einmal an unseren Wassertank. Der Saugschlauch saugt Luft. Brigitte hat recht, jetzt wo keine Pumpe den Schlauch beschwert, hängt er auch nicht mehr gerade herunter. Außerdem fehlt auch die Pumpenhöhe, sodass er nicht mehr auf den Boden reicht. Der Schlauch wird verlängert und als Gewicht ein leeres Marmeladenglas unten drangebunden.
So, Wasser Marsch!

Während ich hier schreibe hat es sich eingetrübt. Die Maschinenwäsche wurde noch trocken aber die Handwäsche wird zurzeit bei Landregen noch einmal auf der Leine gespült.


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36. Tag

Gestern Abend hat es aufgehört zu regnen, ein kalter Nordwind hat eingesetzt und den Himmel blank gefegt. Entsprechend kalt war die Nacht und auch jetzt ist es frisch bei wolkenlosem Himmel. Uns soll es recht sein wenn nur die Wäsche bald trocken ist.

Gegen Mittag fahren wir in die Inselhauptstadt KURESSAARE, parken beim Jachthafen und beginnen einen Rundgang durch die Stadt.

KURESSAARE / ARENSBURG, mit ca. 15000 Einwohnern, ist das wirtschaftliche und touristische Zentrum der Insel. Der gesamte Landkreis (Insel) hat 35 500 Einwohner und lag, bis zur erneuten Unabhängigkeit 1991, mehr oder weniger vergessen an Russlands Peripherie und sein Wirtschaft beruhte in erster Linie auf Landwirtschaft und Fischfang. Auch heute noch sind viele Menschen in der Nahrungsmittelindustrie beschäftigt. Saareemaas Fisch- Milch- und Fleischwaren sind in ganz Estland bekannt. Daneben setzt die Insel immer mehr auf den Tourismus als Wirtschaftszweig.
Das bietet sich an, weil die Umwelt hier, genau wie auf MUHU, ursprünglich geblieben ist und die Zeit still zu stehen scheint. Doch schon wird der Landkreis jährlich von über 200 000 Touristen besucht die auf Ferienhöfen, Hütten, B&B aber auch in Hotels vor allem in Kuressaare Quartier nehmen.
Man hat hier nicht gezögert auf den „Wellness“-Zug aufzuspringen. Neben dem über hundert Jahre alten Kurhotel sind in KURESSAARE der Stadt drei neue Spa- und Wellnesshotels entstanden.

An ihnen führt uns der Weg entlang, vorbei an dem neuen Hallenbad zur alten Bischofsburg. Sie wird hier so genannt, dem Aussehen nach ist sie aber eindeutig eine Ritterburg ohne Prunk und Schnörkel mit einer Festungsmauer und umgebendem Wassergraben. Ich vermute sie ist eine Gründung des Deutschen Ritterordens oder des Schwertbrüderordens.

Nach wenigen Minuten Fußweg sind wir am Alten Rathaus, das ein schwedischer Großgrundbesitzer in den Jahren 1654 bis 1670 errichten ließ.
Erstaunlich ist der lateinische Spruch über dem Portal:
„Immer füllt es seine Pflicht zugunsten der Menschen, wobei es sich immer von seiner Bürgerschaft beraten lässt“.
Der Erbauer legte schon damals sehr bürgernah die Funktion des Gebäudes fest. Heute beherbergt es die Ratsgalerie und die Touristinformation in der man sich mit unserem Pumpenproblem so engagierte.

Noch ein bisschen bummeln, ein Eis schlecken und über den Handarbeiten-Markt schlendern. Dort werden Strickerzeugnisse aus Schafwolle von Socken über Mäntel, Handschuhe, Jacken, Schals bis zu den Mützen angeboten, außerdem Holzbestecke in allen Formen und Funktionen sowie Becher, Schalen, Kerzenleuchter und Mörser aus Muschelkalk gedrechselt, dem so genannten Saaremaa-Marmor. Wir benötigen und erstehen nur einen hölzernen Pfannenwender, ein Paar Wollsocken will ich später auf Muhu kaufen.

Das nächste Ziel ist der Meteoritenkrater von KAALI. Neun Meteoriteneinschläge wurden hier auf einem Quadratkilometer gefunden. Der größte Krater hat einen Durchmesser von 105- 110 Metern und eine Tiefe vom aufgeworfenen Rand bis zum Grund von 22 Metern. Er ist teilweise mit Wasser gefüllt wobei die Tiefe von 1 bis 6 Metern und der Seedurchmesser von 30 bis 60 Metern schwankt.

Untersuchungen haben ergeben, dass der Einschlag vor ca. 4000 Jahren erfolgte, der Meteorit eine ursprüngliche Masse von 400 bis 10 000 Tonnen und beim Einschlag noch von 20- 80 Tonnen hatte. Die Aufschlaggeschwindigkeit betrug etwa 10 bis 20 Kilometer pro Sekunde.

Ergebnis: ein willkommenes Touristenziel für die Insel.

Mit einem kleinen Umweg durch den südlichen Teil der Insel erreichen wir im Osten  den zweitgrößten Ort ORISSAARE. Im Hafen machen wir Kaffeepause bevor es über den Fahrdamm auf die Insel Muhu geht. Dort stellen wir uns wieder bei der Katharina-Kirche auf den Parkplatz um hier zu übernachten.

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37. Tag

Kurz nach neun Uhr kam „Oma“, so nennen wir die ältere gehbehinderte Frau, die hier ihre selbst gestrickten Wollerzeugnisse anbietet. Hier kaufe ich dicke Wollsocken, die ich abends im WOMO als Ersatz für Hüttenschuhe anziehen will.

Die Fähre um 11:00 Uhr soll unsere sein. Wir warten als zweites Fahrzeug als das Schiff einläuft. Beim Entladen gibt es ein Malheur. Aus dem Unterdeck, in dem die Fahrzeuge transportiert werden die höher als 2 Meter sind, bleibt gleich der erste Bus auf der Laderampe stehen und es geht nichts mehr. Nach 10 Minuten Hektik wird der vor uns wartende LKW gebeten den Bus von der Fähre zu ziehen.
Beim ersten Versuch reißen die Zuggurte, daraufhin müssen alle Businsassen aussteigen. Der LKW dreht und spannt sich jetzt mit einer Stahltrosse vor den Bus. Beim Anziehen reißt es die Bus-Stoßstange aus der Verankerung, die Vorderräder des Busses verlieren den Bodenkontakt aber mit schwarzer Rauchwolke schleppt der LKW das Hindernis an Land. Das sah nach blockierter Hinterachse aus.
Nachdem sich das Unterdeck geleert hat können wir jetzt einfahren. Mit Verspätung legen wir ab, kommen aber pünktlich am Festland an. Der Kapitän muss unterwegs ziemlich Gas gegeben haben.

Wir hatten vor einigen Tagen den Tipp bekommen nicht den City-Campingplatz in TALLINN / REVAL aufzusuchen, die Verhältnisse der Sanitäreinrichtungen wären indiskutabel. Stattdessen sollten wir zum Freilichtmuseum fahren, auf dessen Parkplatz kann man auch über Nacht stehen und direkt nebenan ist die Bushaltestelle der Linie 21 zum Bahnhof. Von dort aus kann man sowohl in die Altstadt als auch in die Oberstadt, den Domberg, gehen.

Die Strecke nach TALLINN führt vorwiegend durch Waldgebiete bis sich die Vororte der Hauptstadt ankündigen. Am frühen Nachmittag ist das Museum erreicht. Inzwischen hat es sich dicht bewölkt und als wir aussteigen wollen ergießt sich der erste Regenschauer. Wir warten ab bevor wir schließlich ins Freilichtmuseum gehen.

Ab 1970 wurden aus ganz Estland alte Bauernhöfe, Wind- und Wassermühlen, Schul- und Spritzenhaus sowie Fischerkaten zusammengeholt und hier aufgestellt. Allen gemeinsam ist, dass sie aus Holz sind und die verschiedensten Arten der Blockhauskonstruktion aufweisen. Die ältesten Gebäude sind aus dem Ende des 18. Jh. und das jüngste von 1930.

Wir müssen noch mehrmals den Schirm aufspannen und sind froh, heute nicht die Stadtbesichtigung gemacht zu haben.

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38. Tag

Um 9:08 Uhr nehmen wir den Bus in die City von TALLINN / REVAL und steigen zuerst in die Oberstadt hinauf. Von dort soll sich von Aussichtsbalkonen in alle vier Himmelsrichtungen ein schöner Ausblick bieten. Das stimmt, wir schauen hinunter auf die Dächer und Gassen der alten Hansestadt Reval.

Hier oben im Schloss Toompea ist heute der Sitz des Parlamentes. Dem repräsentativen Bau wurde im 18. Jh. ein großer Teil der alten Burg geopfert. Von ihr stammen noch die Nord- und die Westmauer und drei Türme, der größte ist der Pikk Hermann / Langer Herrmann.

Gleich gegenüber reckt die Alexander-Newski-Kathedrale ihre Kuppeln und Zwiebeltürme in den Himmel. Trotz der, für uns, frühen Stunde schieben sich schon viele Touristengruppen aus verschiedenen Ländern durch die engen Gassen. Etliche davon kommen von zwei Kreuzfahrtschiffen, die man von hier oben im Hafen liegen sieht. Wir begeben uns zum Dom. Im 13. Jh. wurde hier schon für die deutsche Ritterschaft die Messe gelesen. Im hellgrünen Haus der Ritterschaft direkt am Domplatz ist heute das Estnische Kunstmuseum untergebracht. In weiteren ehrwürdigen Gebäuden versammeln sich heute die Botschaften diverser Nationen, so ist auch die Deutsche Botschaft hier oben auf dem Domberg vertreten.

Über die Pikk Jalg, die lange schräge Auffahrt zur Oberstadt, gehen wir in die Altstadt hinunter.

Im Verlauf der Jahrhunderte wurde TALLINN / REVAL immer wieder von den verschiedensten Heeren belagert, und war das mal nicht der Fall, dann bereitete sich die Hansestadt auf die nächste Belagerung vor. So kommt es, dass Tallinn im Mittelalter die am Besten befestigte Stadt in Nordeuropa war, mit einer 3 Meter dicken und 16 Meter hohen Stadtmauer in die 45 Türme integriert waren. Neunzehn Türme und der größte Teil der Mauer haben die Zeit bis heute überlebt und umgeben den historischen Stadtteil. Er ist noch gänzlich und ausschließlich mit Kopfsteinpflaster aus rötlichen Findlingen gepflastert was das Laufen auf den Fahrbahnen nicht einfach macht.

Das Wetter ist heute wohlgesonnen, nur einige Wolken ziehen über den blassblauen Himmel, deshalb wandern wir kreuz und quer durch die Gassen um einen Blick auf die, in den Reiseführern und Broschüren gepriesenen Sehenswürdigkeiten zu werfen.

Wir beginnen am Rathaus mit seinem schönen achteckigen Turm, gekrönt mit dem alten Thomas, einer Wetterfahne in Form eines Landsknechtes. Gleich am Rathausplatz liegt die alte Ratsapotheke, die sich vom Jahre 1583 bis 1911 immer im Besitz der gleichen Familie befand. Auch jetzt ist es noch eine Apotheke. Nicht weit davon, in der Pikk / Langen Straße, das Traditions-Kaffeehaus „Maiasmokk“ das bis 1939 einer deutschen Konditoren- und Marzipanmacherfamilie gehörte (den Namen habe ich leider vergessen). Dann die Pikk hinunter zum Schwarzhäupterhaus, weiter zur Olaikirche / Sankt Olaf, mit seinem ehemals 159 Meter hohen Turm im Mittelalter der höchste Turm Europas, nach einigen Bränden heute „nur“ noch 123 Meter hoch aber immer noch das Wahrzeichen der Stadt. Wir umrunden den Torturm „Dicke Margarete“ gehen ein Stück außerhalb der Stadtmauer und kommen durch einen Straßendurchbruch wieder hinein. Es ist Mittagszeit und das Gasthaus zum Braven Soldaten Schweik lockt mit seiner Speisekarte.
Angesichts unseres 30. Hochzeitstages bleibt bei uns die Küche kalt, wir kehren ein. Nach einem einheimischen Menü mit einheimischem Bier machen wir uns auf den weiteren Rundgang. Nikolaikirche, „Kiek in de Kök“, auch ein mächtiger Wachturm aus dessen Schießscharten die Wachmannschaften in die Kochtöpfe der Bürgerhaüser schauen konnten, deshalb der Name. Dann zum Wollmarkt an der Stadtmauer, wo wieder Strick- und Holzwaren usw. angeboten werden. Es geht vorbei an den „Drei Schwestern“ (das Gegenstück zu dem Hauskomplex „Drei Brüder“ in Riga) zur Heiliggeistkirche, beim Marzipanmuseum um die Ecke wieder in das Kaffeehaus „Maiasmokk“. Diesmal aber nicht nur zum Schauen sondern auch zum Genießen von Kaffee und Kuchen. Dabei können wir noch einmal ausgiebig die hundert Jahre alte Kaffeehauseinrichtung mit den Spiegelwänden und der Jugendstildecke betrachten.

Um 18:15 brummt das WOMO aus Tallinn hinaus. Im Gegensatz zu Riga diesmal ohne Probleme. Wieder durch endlose Wälder steuern wir den Nationalpark LAHEMAA an. Auf der Halbinsel PÄRISPEA fahren wir die Küstenstraße ab, auf der Suche nach einem Nachtplatz. Es ist schwierig etwas Geeignetes zu finden. Schlussendlich stehen wir auf der Kapspitze am Ende der Straße auf einem Parkplatz im Windschutz einiger Birkenbäumchen wenige Meter vom Geröllstrand entfernt. Es ist der nördlichste Punkt dieser Reise. Die Wellen rauschen laut zwischen die Findlinge, denn inzwischen hat es kräftig zu blasen begonnen. Später am Abend kommen Regenschauer hinzu. Es könnte fast ungemütlich sein wenn wir uns nicht zum Kuscheln hätten.

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39.Tag

Heute Nacht sind wir von schweren Regenböen geweckt worden. Mit dem Gefühl, dass allenfalls die Räder und das Auto vom Staub abgeduscht werden, wir aber warm und trocken liegen, schlafen wir weiter.

Jetzt hat sich das Wetter beruhigt es ist aber immer noch grau in grau.

Wir umrunden die Halbinsel komplett, fahren um die nächste Bucht und auf die nächste Halbinsel. Im Dorf KÄSMU lassen wir das Fahrzeug auf dem Parkplatz stehen und laufen zweieinhalb Stunden erst einen Küstenwanderweg bis zum Kap und dann einen Waldweg zurück zum Dorf. Der Küstenweg bietet wunderschöne Fotomotive mit seinen Aussichten auf die von großen Findlingen übersäten Buchten. Wenn jetzt noch die Sonne scheinen würde, wären keine Wünsche mehr offen.

Anschließend besuchen wir den Meeresbiologen Arne Valk und sein skurriles Museum das er in seinem Wohnhaus eingerichtet hat. Hier hat er alles, was irgendwie mit Seefahrt und Fischfang zu tun hat, zusammengetragen und nach Themenbereichen in den Zimmern seines großen alten Hauses drapiert. Ich kam mir irgendwie wie auf dem Trödelmarkt vor.

Den Rest des Tages verbringen wir auf dem Campingplatz „Este“ in VÖSU und warten darauf, dass sich die Sonne zeigt.

Das geschieht am Abend. Die Nacht wird wolkenlos, sehr kalt und nicht dunkel.


40.Tag (Do. 30.06.05)  

Pünktlich zum Aufstehen ist es wieder bewölkt aber deutlich wärmer (18°). Heute wollen wir per Fahrrad eine weitere Halbinsel umrunden. Bis wir startbereit sind schaut auch immer öfter die Sonne herab.
Auf selten befahrenen Straßen mit Teer- und Schotterbelag besuchen wir bei immer schönerem Wetter die vereinzelt liegenden ehemaligen Fischerdörfchen. Teilweise sind die Häuser identisch mit jenen die wir im Freilichtmuseum gesehen haben. Das Kap, wie immer mit einem ehemaligen Wachturm und Geschützstand versehen, ist nur über einen Schotter- und später Waldweg zu erreichen.
Es lohnt sich, eine schöne Badebucht liegt gleich nebenan. Das Wasser ist gar nicht mal so kalt, trotzdem baden wir nicht, sondern genießen die Sonne und fahren dann wieder zurück. Beim WOMO angekommen waren es 41 Kilometer.

Den Rest des Tages verbringen wir im Liegestuhl bzw. vor dem Laptop mit diesem Bericht.

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41. Tag

Wir sind wieder unterwegs. Zwischen dem Lahemaa-Nationalpark und der russischen Grenze begrenzt eine Steilküste den Finnischen Meerbusen, die ist unser erstes Ziel.

Die endlosen Wälder sind jetzt zurückgetreten. Großflächige Ländereien begleiten links und rechts die Nationalstraße Nr. 1 die von Tallinn nach St. Petersburg führt. Wenig davon ist vom Pflug bearbeitet. 

Die großen zusammengehörigen Flächen, die ehemals wahrscheinlich Gutsherren gehörten, sind offenbar im Besitz ehemaliger oder noch existierender Kolchosen.
Ich glaube aber nicht, dass die verfallenen Überbleibsel der Kolchosen noch produzieren denn die riesigen Wiesenflächen, auf denen das Gras hüfthoch steht, verwildern. Bearbeitete Felder sind eher die Ausnahme. 

In der Stadt RAKVERE wird noch einmal getankt und eingekauft, dann erreichen wir über Nebenstraßen die so genannte „Glint-Küste“. Auf einem Kalksteinsockel erhebt sich die Ebene bis zu 50 Meter über den Meeresspiegel. Die Wellen brechen immer wieder Teile der Küste ab und zermahlen die Brocken am Strand zu Kalkkiesel. Darauf wurzelt Laubwald, der mit den Kronen fast wieder den Klippenrand erreicht.

Es gibt nichts Dramatisches zu sehen, außer ein Blick weit auf das Meer hinaus bei einem kribbeligen Gefühl im Magen, hält die Abbruchkante auf der ich stehe oder nicht?

Einen „Hingucker“ gibt es allerdings zwischen den Ortschaften ONTIKA und TOILA, es ist ein 20 Meter hoher Wasserfall, über den sich ein Bach auf den Strand hinunterstürzt. In Toila selbst gibt es vor dem „Spa-Hotel Toila“ eine 168- stufige Treppe vom Kliffrand hinunter zum Kielsestrand.

Jetzt kehren wir der Ostsee und ihren Buchten und Stränden den Rücken und biegen ab ins Landesinnere.
Über 3300 Kilometer hat sie uns, oder wir sie, von Usedom bis hierhin begleitet. Abgezogen haben wir schon den Abstecher zur Pommerschen Seenplatte und die Umfahrung der russischen Enklave Kaliningrad durch Masuren.

Hier, knapp 200 Kilometer vor St. Petersburg schwenken wir wieder nach Süden, zum PEIPSI JÄRV / PEIPUS-SEE. Die Nebenstraßen, anfangs noch mit fester Oberfläche, gehen einige Kilometer vor der russischen Grenze in Schotter über. Erfreulicher Weise staubt es nicht, weil es wohl letzte Nacht hier geregnet hat, Pfützen stehen in den Schlaglöchern.
Drei Kilometer vor der Grenze erreichen wir den viertgrößten See Europas. An seinem Nordufer biegen wir westwärts ein und folgen der Küste bis sich eine Gelegenheit bietet ihn in Augenschein zu nehmen. In REMNIKU liegt ein Wiesenparkplatz wenige Meter hinter den Küstendünen. Zwei Hamburger Wohnmobile stehen schon hier, wir stellen uns dazu und beginnen eine Strandwanderung an dem riesigen, bis zum Horizont still daliegenden See. Kein Schiff furcht seine Wasserfläche, keine Welle kräuselt sie, ab und an streicht ein Windhauch die silberblaue Oberfläche leicht dunkelblau an.

Nach unserer Rückkehr, die Hamburger sind schon fort, begeben wir uns auf Nachtplatzsuche. Es dauert eine Weile in der wir jeden Feldweg abfahren, jede Ansiedlung besuchen, ehe wir bei UUSKÜLA einen RMK-Picknikplatz entdecken, der mit dem WOMO gut erreichbar, und nur 200 Meter vom Seeufer entfernt ist.

Wie schon an anderer Stelle beschrieben, sind diese Plätze von der staatlichen Forstbehörde zur allgemeinen Benutzung angelegt, ähnlich den amerikanischen und kanadischen Campgrounds. Allerdings mit dem Unterschied, dass es hier noch nichts kostet. Entsprechend ungepflegt sind die Plätze. Uns macht das nicht viel aus, wir haben unsere eigene Toilette an Bord und sind nicht auf die Trockentoiletten angewiesen.

Ich beginne Holz zu sammeln, denn die installierten Grill- und Feuerstellen wollen wir heute nutzen. Später sitzen wir noch am Lagerfeuer bis die Glut zusammenfällt, dick eingepackt und mit Moskitoöl eingeschmiert. Ja das ist der große Nachteil dieser herrlichen nordischen Länder, die Mücken und andere Stechfliegen sind einfach eine Plage.

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42. Tag

Es ist Samstag, der Stellplatz ist hervorragend, der See nicht weit und die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel. Wir packen unsere Dreibein-Stühlchen, den Lesestoff und verbringen den Tag am Strand des Peipsi-Sees. Ich schwimme sogar einige Minuten in diesem klaren, fischreichen Gewässer, doch die Wassertemperatur jagt mich bald wieder auf den Strand.


43. Tag

Auf der Weiterfahrt halten wir uns dicht am See und biegen somit an seinem Westufer nach Süden ab. Wo sich die Gelegenheit bietet versuchen wir das Ufer zu erreichen. Doch die Gelegenheiten sind rar und das Ufer ist inzwischen nur noch steinig bzw. dicht mit Schilf bewachsen, was keinen Zugang über den morastigen Boden zulässt.

Es bleibt fest zu halten, das Nord- und Nordwestufer ist sehr schön, mit rosafarbigem Sand und flachen Ufern, also sehr gut zum Baden oder Sonnen geeignet. Die übrigen Uferbereiche sind fast unzugänglich..

Dafür gibt es hier am Westufer wieder Räucherfisch zu kaufen, den wir seit Polen vermisst hatten. Gleich beim ersten Straßenstand kaufen wir einen geräucherten Karpfen, wie wir meinen. Bald danach stehen Gemüse- Erdbeer- und Fischstände reihenweise am Straßenrand.

So gegen 14:00 Uhr, wir sind inzwischen wieder etliche Kilometer Schotterpiste gefahren, sehen wir in KOLKJA das Hinweisschild des „Kolkja Kala- ja Sibularestoran“. „Kolkja Fisch- und Zwiebelrestaurant“ Sehr überraschend war es nicht, dass es ein russisches Lokal ist, denn die Russen stellen hier den überwiegenden Anteil an der Bevölkerung. Es ist alles neu renoviertund sauber. Leise russische Folklore klingt im Hintergrund und es gibt Fisch. Hier kehren wir ein und lassen es uns schmecken.

Estland ist das teuerste Land im Baltikum, aber natürlich im Vergleich zu westeuropäischen Preisen, gerade wenn es um Essen und Trinken geht, ein Reiseziel, das den Geldbeutel schont. Hier im Hinterland ist es noch etwas preiswerter als an der Küste oder der Hauptstadt. Hier einmal unsere Rechnung:


Ich denke es gibt viele Einheimische die sich diese Preise trotzdem nicht leisten können.

Hier verlassen wir jetzt den See..

In TARTU, einer größeren Stadt, wird noch einmal kurz gestoppt und beim estnischen Lidl eingekauft. Er heißt hier unaussprechlich anders, hat aber das gleiche Emblem und vermarktet hier viele billige Russenprodukte.
Wer sich wundert: „Am Sonntagnachmittag Lebensmittel kaufen?“ dem muss gesagt werden, es gibt hier kein Ladenschlussgesetz und alle Lebensmittelgeschäfte haben hier täglich bis 20 oder 22:00 Uhr auf, auch an Sonn- und Feiertagen. In den Großstädten gibt es sogar 24 Stunden-Shops.

Links und rechts der Straße hat der Ackerbau zugenommen, Getreidefelder sind häufiger zu sehen. Hinter Tartu wird die Gegend auch hügelig, wir nähern uns Estlands „Hochgebirge“ mit dem höchsten Berg des Baltikums. Das bedeutet, wir befinden uns jetzt im „Schwarzwald Estlands“ und genau so sieht es hier manchmal aus.

Hinter VÖRU suchen wir eins von den beiden Alpinskigebieten Estlands auf.  Im Tal KÜTIORG sind einige Schlepplifte installiert. Hier auf dem Parkplatz werden wir auch übernachten.

Es ist noch Zeit genug für eine Wanderung, denn im Sommer ist diese Gegend als Wandergebiet ausgewiesen. Durch das Tal führt der „Weg der Landschaftskunst“, gestaltet von internationalen Künstlern die hier ihre unverkäuflichen Exponate aufgestellt haben. (Das war jetzt gemein, ich weiß).
Auf der Infotafel am Parkplatz ist die Route aufgezeichnet und zwar mit Beginn und Ende beim ersten Lift. Wir wundern uns zwar, dass neu aufgestellte Markierungen gegen unsere Laufrichtung zeigen, glauben aber, dass damit Loipen bezeichnet sind. Als es uns dämmert, dass wir in den Rückweg eingestiegen sind, brechen wir unsere Wanderung ab. Es ist auch eine Kapitulation vor den heute wie wild beißenden und saugenden Insekten.

Später an der Bergstation entdecken wir durch Zufall den richtigen Einstieg. Die Tour ist in diesem Jahr neu geführt worden und deckt sich nicht mehr mit der Infotafel.

Na ja, freuen wir uns eben auf den Räucherfisch.
Wie werden die Gesichter immer länger, als ein vollkommen von dünnen Y-Gräten verseuchter Fisch auf unseren Tellern liegt. Ich bin mir jetzt nicht mehr sicher ob es ein Karpfen ist. Die großen Schuppen und der hochgewölbte Rücken sprechen dafür, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Karpfen sooo viele Gräten hat. Jetzt ein kühles Bier her, und damit die Misere hinuntergespült.

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44. Tag

Auch heute scheint die Sonne ungebremst auf unser Solarpanel , was ich zum Anlass nehme, am Reisebericht zu schreiben. Die Sonne meint es bald gar zu gut, es sind inzwischen 27° Celsius im Fahrzeug deshalb breche ich ab um während der Fahrt unsere „Gute Stube“ ordentlich durchzulüften.

Nach kurzer Zeit müssen wir die gute Teerstraße verlassen und wieder mit Schotterwegen vorlieb nehmen, denn das erste Ziel heißt VANA-VASTSELINA mit der Ruine einer Bischofsburg aus dem 14. Jh. mit gleichem Namen. In der Informations-Stube entdecke ich allerdings eine alte Postkarte mit einer Radierung der Ruine darunter steht: “Gruß von der Burg Neuhausen“

Die Burg war ehemalige Grenzfeste am Handelsweg Riega-Pieskau und hatte mancher Belagerung stand zu halten. Es haben sich Legenden damit verwoben. Ein wundertätiges Kreuz in der Burgkapelle wurde im Mittelalter zum Wallfahrtsziel.
Im nordischen Krieg 1700-1701 wurde die Burg bis auf einige Reste zerstört.

Immer in Sichtweite zur russischen Grenze geht es nordwärts zu Sandsteinhöhlen, in denen bis vor 20 Jahren feinster Quarzsand zur Glasherstellung unterirdisch abgebaut wurde. Eine Museumshöhle ist zur Besichtigung freigegeben, die anderen sind wegen Einsturzgefahr gesperrt. Die Besichtigung ist kostenlos, deshalb soll der Besucher seine Taschenlampe selbst mitbringen. Wie das immer so ist, als Brigitte und ich das Ding wirklich brauchen, weil wir uns ein bisschen weiter in das Höhlenlabyrinth hineingewagt haben, da versagt sie ganz rapide ihren Dienst und funzelt nur noch. Gut, dass die Leute von der RMK vereinzelt Kerzen aufgestellt haben.

Wieder im Tageslicht wird ein Imbiss genommen dann rollen wir weiter zur Stadtbesichtigung von VÖRU.

Es ist eine fast vergessene Stadt im Grenzland und wartet noch darauf wachgeküsst zu werden. Holzhäuser aus dem vorletzten Jahrhundert bestimmen das Stadtbild. Etliche davon haben, wie hier allgemein üblich, noch einen Ziehbrunnen auf dem Hof. Daneben stehen Plattenbauten und sogar ein zehn- und zwei neunstöckige „Wolkenkratzer“ stehen völlig deplatziert herum.

Touristisch lebt der Ort von der Erinnerung an seinen großen Dichtersohn Dr. Kreuzwald. Das hölzerne Wohngebäude von ihm wurde schon neun Jahre nach der Stadtgründung im Jahre 1793 gebaut und ist das älteste Haus in Vöru. Es dient heute als Museum. Der Arzt trug maßgeblich zur Entwicklung der estnischen Literatur bei. Außer dem Heldenepos „Kalevipoeg“, dem Wilhelm Tell oder Siegfried Estlands, veröffentlichte er Prosatexte, Gedichte und Sagen.

Im Stadtpark, neben der St. Katharina Kirche, steht ein schwarzes Mahnmal und erinnert an die Schiffskatastrophe der „Estonia“. Es wahren wahrscheinlich siebzehn Einwohner von Vöru auf der Fähre, denn siebzehn Namen stehen auf dem schwarzen Stein.

Nachdem wir uns ausgiebig in der Stadt und an der Seepromenade des Tamula järv umgesehen haben, geht es die letzten 20 Kilometer zum höchsten Berg, dem SUUR MUNAMÄGI mit 318 Metern über NN.

Wir suchen ein bisschen in der Gegend herum und finden unseren heutigen Nachtplatz beim Ort HAANJA auf einem Wanderparkplatz in drei Kilometer Entfernung zum Gipfel.

Brigitte hat ausgerechnet, dass wir heute bei 99 Kilometer Gesamtstrecke ca. 30 Kilometer Schotterpiste gefahren sind.

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45. Tag ( Di. 05.07.05)

Zuerst sind wir zum Berg SUUR MUNAMÄGI gefahren und haben das WOMO auf dem Parkplatz abgestellt. Bis zum Gipfel mit seinem Aussichtsturm war der Anstieg recht steil, aber für uns kein Problem. Der 29 Meter hohe Turm kann auf zweierlei Weise erklommen werden, erstens Kräfte schonend per Lift, oder zweitens per Muskelkraft über die Treppe. 

Bei dem heutigen wunderbaren Wetter haben wir eine grandiose Aussicht. Die Sichtweite soll 50 Kilometer betragen, das einmal vorausgesetzt können wir im Osten nach Russland hineinsehen und im Süden nach Lettland. Natürlich sind die Grenzen nicht sichtbar, der Wald zieht sich von den „Bergen“ in der unmittelbaren Umgegend bis zum Horizont.

Das nächste Etappenziel ist das Städtchen ROUGE. Hier haben wir die Möglichkeit ins Internet zu gehen.

Später wandern wir durch ein Tal aus dessen Hang etliche Quellen hervortreten und in einem Wasserlauf aufgefangen und weitergeleitet werden. Sie treiben in einiger Entfernung so genannte Wasser-Widder. Das sind Hydromechanische Pumpen die mithilfe von Wasserdruck einen kleinen Teil des Quellwassers zu den Bauernhöfen auf der Höhe hinaufpumpen. Der überaus meiste Teil des Quellwassers speist Forellenteiche im Tal.

Unsere Neugierde hat uns heute ein vorzügliches Mittagessen eingebracht. Der Teichwirt bot uns sofort eine Angel an, mit der wir unsere Lachsforelle aus dem ersten Teich angeln sollten. Wir sagen zu, wollen aber nicht selbst angeln. Sogleich wirft der Wirt eine Angel mit Blinker in den Teich. Das Wasser brodelt und der gierigste Bursche hängt sofort am Haken und bald darauf im Rauch.

Die Quelle unweit des Anwesens hat es uns angetan, wir möchten gerne unseren Tank füllen und lassen uns erklären wie wir mit dem Fahrzeug dieses Tal erreichen.

Beim Parkplatz angekommen, bietet ein Schuljunge Erdbeeren an. Wir nehmen seine letzten zwei Tüten (einzigen Tüten?) ab, weil er sonst nicht wechseln könnte.  Als das Geschäft unter Dach ist, haben wir zum Nachtisch und für Morgen noch etwas für den süßen Zahn.

Vorsichtig fahrend, über einen einspurigen Schotterweg und zwei morsche Bohlenbrücken, durch die wir schon den Bach sehen und beim Überfahren die Luft anhalten, erreichen wir die Forellenanlage.

Gießkanne für Gießkanne hole ich das kostbare Nass, das frisch schmeckt und nicht braun ist – eine Rarität im Baltikum – und fülle unseren Wassertank randvoll.

Inzwischen ist der Fisch geräuchert und wir lassen ihn uns mit Brot und frisch gezapftem Bier herrlich schmecken.

Die Übernachtung ist heute beim HOTELL KUBIJA in Vöru geplant. Der Toilettentank muss geleert werden und gegen eine kräftige Dusche ist auch nichts einzuwenden. Wir fahren jetzt schon hin und stehen auf einem Rasenplatz vor dem Hotel, lesen, baden im See und sonnen uns.


Morgen verlassen wir Estland, deshalb geht es weiter mit „Lettland Rückreise".

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